Beste CD-Starts der Woche: K'NAAN, Adam Lambert, Die Fantastischen Vier

Laut Pressemitteilung von media control, starten in dieser Woche gleich drei CD-Neuerscheinungen mit Platzierungen in den Top 10. An erster Stelle – natürlich – K’NAAN mit seiner Fußball-WM-Hymne Wavin’ Flag. Fußball-Songs sind in gewisser Weise eine besondere Kategorie und meist sowieso über Kritik erhaben. Sie müssen funktionieren, indem sie einen hohen Wiedererkennungseffekt haben, in Massen-Situationen zünden und am besten auch noch einen möglichst mitsingbaren Refrain haben. Das hat in der Vergangeheit dann häufiger auch dazu geführt, dass diese Hymnen mit einem gehörig volkstümlichen Charakter daherkamen: Hauptsache mitgrölen und besinnungslos auf der Stelle hopsen können …

In den letzten Jahren hat sich da allerdings eine besondere Wendung ergeben, oder sagen wir besser: ein neuer Farbton hat sich dazugesellt. Ich würde sagen, spätestens seit der WM 2006 gehört zum Leitthema des Großereignis auch ein irgendwie völkerverbindendes, ethnohaftes Element. Herbert Grönemeyer holte sich deshalb Amadou & Miriam aus Mali an seine Seite; 2008 zur Euro 2008 gab es mit Shaggy feat. Trix & Flix ein nicht minder weltumspannendes Exotik-Feeling. Natürlich, die alte Variante mit Massenbegeisterung und Stadiongefühl gibt es ebenfalls noch, auffallend ist der Trend dennoch. Besonders da in diesem Jahr nun der erste Titel mit Verbindung zur WM genau diesem Schema wieder folgt. K’NAAN stammt laut wikipedia aus Somalia, lebt aber seit 20 Jahren in Kanada. In der Vergangeheit war er besonders aktiv im Umfeld humanitärer Aktionen. Jetzt ist er dem Ruf des coca cola-Konzerns gefolgt und nutzt die Chance für globale Medienpräsenz. Wavin’ Flag ist somit wenig verwunderlich der beste CD-Neustart der Woche. Und wenn man den digitalen Läden glauben darf, erscheint demnächst eine weitere Version (featuring Fefe) und mich würde nicht wundern, wenn da in wenigen Wochen nicht auch noch besondere Mixe und Abmischungen zu haben wären. Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit entert K’NAAN in sehr naher Zukunft ohnehin den Spitzenplatz der Charts, bei iTunes ist dies ja seit nunmehr zwei Wochen schon der Fall.

Neustarter Nr.2 ist seit etwa der gleichen Zeit ebenfalls sehr gut in den iTunes-Charts zu finden, hatte einfach einen eher verhaltenen Start und landet so auch in der eher physikalisch geprägten media control-Liste ganz knapp hinter K’NAAN. Die Rede ist von Adam Lambert, Zweiter der letztjährigen American Idol-Staffel. Bisher hatte das US-amerikanische Pendant zu DSDS hierzulande kaum Auswirkungen, auch wenig Interesse. Lediglich die Siegerin der ersten Staffel Kelly Clarkson konnte sich dauerhaft einen Namen machen. Für Jordin Sparks, Siegerin im Jahr 2007, brauchte es zunächst mal ein Duett mit Chris Brown (No Air), ehe sich auch drei ihrer Solo-Titel in den Jahren 2008/09 den Weg zu ein paar mehr Hörer_innen in Deutschland bahnten. Mittlerweile ist es aber auch um sie schon wieder reichlich still geworden. – Warum das amerikanische Format hier nicht so richtig einschlägt, lässt sich vielleicht mit den streng geteilten TV-Märkten erklären. Die Superstars oder Casting-Bands leben ganz wesentlich durch ihre mediale Präsenz. Wir können sie über eine recht lange Zeit begleiten, erleben mit ihnen Höhen und Tiefen, wir haben Anteil und die Stars werden ein Teil unseres Lebens. Darin funktionieren alle Casting- und Talente-Shows gleich. Und das ist auch der ganz wesentliche Reiz und Grund für ihren Erfolg: Emotion. Wenn ich die Show aber nicht mitverfolge, dann bleibt eben nur noch das musikalische Resultat: die Stimme, die Melodie, die Produktion. Egal ob die nun am Ende besonders ausgetüftelt oder nachlässig daher kommt – die Gesamtkombination muss schon einigermaßen außerordentlich sein, um zum Hit zu werden, denn – geben wir es ruhig zu – von diesen Produktionen und Acts gibt es so viele … da höre ich doch ziemlich schnell weg, wenn es nicht irgendetwas gibt, das mich sofort fesselt. Und das wissen offensichtlich auch die Labels. Sie investieren dementsprechend lieber in die nationalen Shows und Acts, bevor sie sich mit unvorhersehbaren Produktionen eindecken und eventuell sogar noch finanzielle Flops landen.

Das einzig krude an dieser sonst gut nachvollziehbaren Haltungist, dass sich trotz aller sonstigen Globalisierung und Gleichschaltung die nationalen Musikmärkte extrem voneinander abkoppeln. Dazu kommen dann noch die unterschiedlichen Handhabungen in Sachen Urheber- und Leistungsschutz – et voilá: das was in Großbritannien ein Riesenhit ist, kann in Deutschland zum Beispiel völlig unbekannt bleiben. Der rumänische Top-Hit aus Frankreich, spielt in Norwegen gar keine Rolle usw. Gerade mal, dass noch die deutschsprachigen Länder so halbwegs aneinander gekoppelt sind – zumindest hat der große Bruder Deutschland es gut im Griff seine Formate auch in der Schweiz und Österreich zu vermarkten. Umgekehrt sieht es da ja schon wieder ganz anders aus.

Lange Rede, kurzer Sinn – mit qualitativer Musik (oder auch mit Hitqualitäten – was immer das heißt) hat der Musikmarkt nur am Rande was zu tun. Eher ist es ein Resultat gezielten Marketings. Dass dann trotzdem immer wieder mal Spontanhits auftauchen und den Weg zu Massenruhm schaffen, ist wunderbar.

Adam Lambert allerdings – um mal wieder auf den Ursprung zurück zu kommen – wäre vermutlich ohne großangelegte Strategie ebenfalls in der Unbekanntheit versunken. Aber, die Leute bei Sony sind natürlich nicht dumm – Adam Lambert ist sozusagen für den deutschen Markt wie geschaffen. Beim ersten kurzen Blick auf das Cover fällt auch auf, warum. Der Junge passt genau in die Tokio Hotel-Nische, in der das Original im Moment nicht mehr so ganz 100% das an Erfolg abwirft, was es könnte. Auch musikalisch gibt es genügend Berührungspunkte: rockige Attitüde, trotzdem nicht zu weit vom Pop-Markt entfernt. Whataya Want From Me gehört sozusagen auf den mp3-Players jedes weiblichen Teenagers. Das er außerdem auch noch der erste offen schwule Superstar aus den USA ist (zumindest der erste, der von Beginn seiner Karriere an nichts anderes behauptet hat), das ist ja dann sogar noch ein bisschen extra süß. Jetzt bleibt dann nur noch zu beobachten, wie dauerhaft der Erfolg ist. Zunächst steht zu vermuten: neue Gesichter verkaufen sich erstmal besser – und nur Teenie-Pop ist es am Ende auch nicht.

Der dritte CD-Neustart dieser Woche ist ärgerlich. Nicht, dass ich Die fantastischen Vier blöd finden würde. Ganz im Gegenteil. Aber lasst euch mal folgende Geschichte erzählen: Ich erfahre also von der neuen Single Gebt uns ruhig die Schuld, den Rest könnt ihr behalten, ich freu mich und surf grad los um mal zu hören wie das Teil so klingt. Bei iTunes, amazon und Konsorten kann ich in 30 Sekunden-Snippets reinhören. Naja, das ist schon mal ganz possierlich, aber was weiß ich schon? Da sind ja mindestens noch 3 Minuten Sound drumrum … Also segel ich weiter zur nächstbesten Videoplattform, wir kennen alle den Marktführer, und dort: „Dieses Video enthält Material, welches der Firma SONY gehört.“ Ähm, ok, ja, ich wollt’s ja nur mal kurz hören. Und überhaupt, hatten die Fanta 4 nicht mal extra ihr eigenes Label gegründet, um unabhängig zu sein und eventuell genau so was zu verhindern? Is sowieso komisch, denn der Account läuft genau auf den Fanta4 Namen, aber gut, das kann ja wohl jeder so anmelden. Dann find ich in der Tube einne Reihe von Verarschungen und Remix-Zerstückelungen. Interessiert mich jetzt aber grad nich so, ich will ja erstmal das Original hören. Ein Video macht eine putzige Weiterleitung zu tape.tv … immerhin, da könnte ich es in ganzer Länge hören … wenn meine Leitung schnell genug wäre. Aber ich sitz grad in der Pampa mit zu Fuß-Anschluss und höre immer nur 10 Sekunden Sound – Rebuffering – 10 Sekunden Sound – Rebuffering … Auch eine coole Version des Titels. Wiederholen geht auch nicht ganz so einfach … die Tube hat’s da irgendwie doch besser drauf. Ganz ehrlich. Nächste Anlaufstelle: die Homepage der Künstler selber. Auch dort … nicht der ganze Song, und Streaming-Probleme wegen zu schwacher Datenübertragungsrate. Ich verlier allmählich die Lust und auch das Interesse an dem Titel. Letzter Versuch: vimeo – da gibt es auch ne Version, versehen mit einem Hometape-Video. Naja … is gar nich so schlecht, nur einfach nicht, das was ich gesucht habe. Und der Sound ist auch eher dürftig. – Also, was mache ich: ich höre weiter das was ich kriegen kann. Zum Beispiel Sebastian Tellier … is eh viel cooler.

PS: Schlaumeier sagen natürlich – mensch, der Titel läuft doch im Radio und TV hoch und runter. Kann sein, aber das Radioprogramm halt ich nich aus, soll ich mir wirklich 5 bis 10 Stunden Müll reinziehen um einmal die Fanta 4 zu erwischen? Und MTV + VIVA … naja, scheiß Shows und Soaps … nee nee …

Die Fantastischen Vier sind trotzdem der beste deutsche Act, der in dieser Woche startet und landen laut media control auf Platz 10 des Single-Rankings. Schön. Sie waren sogar fast auf den Tag genau vor zwei Jahren das letzte Mal bei media control platziert – auch ne schöne Zahl. Und es ist überhaupt der erste Top 10-Erfolg seit 2004. Erstaunlich. Ich bin trotzdem irgendwie sauer … vielleicht nicht auf die Jungs, aber mal wieder auf das Business. – Ich hoffe ihr hattet bessere Erfahrungen.

Ach ja – was ich dann schon finde, und was wirklich nützlich ist: es gibt genügend Anleitungen, wie ich meine IP-Adresse faken kann und nicht mehr als jemand erkannt werde, der sich von Deutschland aus einwählt. Und schon kann ich auch die Fanta 4 in voller Schönheit und Länge bewundern. Und jetzt nach ein paarmal hören hab ich tatsächlich Bock, mir auch noch die CD in echt zu kaufen. Wenn sie optisch was hermacht …

Nochmal PPS: bei amazon gibt es jetzt doch den kompletten Videoclip zum anschauen – super – es ist nicht alles blöd auf dieser Welt. Warum nur auf amazon ist auch relativ schnell klar … wem gehört dieser Laden eigentlich?