Nicht viel Neues: Cinema Bizarre, Chairlift, Village Boys

OK Leute – versuchen wir den Laden zu rocken auch in der neuen Situation. MTV veröffentlicht die Top100 nicht mehr, bei VIVA hapert es auch grad ein bisschen ... schauen wir was wir mit der neuen Informationslage noch anfangen können. Also zum Beispiel könnten wir uns ja mehr auf andere Auswertungen berufen ...

Die Spitzengruppe habe ich bereits am Freitag abgehandelt ... das wird vermutlich auch so bleiben, denn media control gibt ja bereits dienstags eine Pressemitteilung mit den höchsten Neuzugängen samt oberen Platzierungen bekannt. Was gibt es sonst noch Neues auf dem CD-Markt (und damit auch in den Charts)?

Da meldet sich doch tatsächlich eine Band zurück, die jetzt mehr als ein Jahr lang nichts Neues von sich hat hören lassen. Da waren eventuell einige schon der Meinung: hier kommt nichts mehr. Aber das ist ein Irrtum. Cinema Bizarre leben noch und wenn ich mir ihre neue Single I Came 2 Party anhöre, dann muss ich sagen: Cinema Bizarre rocken sogar noch ordentlich. Und damit die Sache auch wirklich nicht schief geht, sind sie für I Came 2 Party eine fast erfolgssichere Kollaboration mit Space Cowboy eingegangen. Der Name sagt den meisten wahrscheinlich nicht viel, aber vielleicht der Sound. Denn die neue Cinema Bizarre klingt sehr stylish, fast möchte ich sagen gagaesk ... tja und das ist natürlich kein Zufall, denn Space Cowboy hat laut wikipedia ein paar knackige Remixe für Lady GaGa geliefert. Und da kann ich jetzt nur gestehen: das funzt auch ordentlich bei Cinema Bizarre. Mir gefällt sehr der GlamRock-Anklang, der ins Heute transportiert wurde. Ein wenig irritierend find ich die Autotune/Vocoder-Lyrics. Die find ich bisschen zu viel an Effekt. Und wenn wir schon beim wünschen sind: den Gesang würd ich mir jetzt auch noch ein bisschen abgefuckter oder knarziger wünschen. Alles in allem macht diese neue Single durchaus Lust, zumindest mal in das neue Album ToyZ reinzuhören. Erschienen ist es gerade jetzt. Die Single steigt als zweithöchster Neuzugang auf der 32 ein und ist rein statistisch der bestplatzierte Titel der Band nach ihrem Debüt Lovesongs (They Kill Me), welches 2007 in Deutschland bis zum Platz 9 emporschoss.

Das waren sie dann auch schon, die wirklich spektakulären und kommerziell relevanten CD-Veröffentlichungen. Und weil sich an neuem Material nicht wirklich so viel Bewegendes tut, ergreife ich hier mal wieder die Chance auf einen Langzeithit hinzuweisen. Da schleicht sich nämlich ganz knapp auf Platz 46 noch einmal Mando Diao unter die ersten 50. Die vergangenen zwei Wochen stand Dance With Somebody auf Platz 51 und das hätte nach offiziellem Chart-Reglement das Aus in dieser Woche bedeutet, wenn nicht – und genau das ist passiert – eine Platzierung innerhalb der Top 50 durch Umsätze erreicht würde. Nun also steht Dance With Somebody eine 31. Woche in der Liste, das ist nach Haus am See von Peter Fox der längste ununterbrochene Chartaufenthalt bisher in diesem Jahr. Und mindestens zwei weitere Wochen sind jetzt ganz regulär ohnehin schon vorprogrammiert.

Auch schon ein wenig älter – zumindest was vor dem Hintergrund der Verkaufscharts als alt gilt – ist die letzte Veröffentlichung von Mark ’Oh. Nachdem ich vor zwei Wochen ordentlich über United abgelästert habe, muss ich nun mit ziemlichem Erstaunen feststellen, dass sich das Ding wachsender Beliebtheit erfreut. Was genau so faszinierend an der Neuinterpretation des Hits von 1994 ist, weiß ich immer noch nicht. Ok – ein paar der Remixe funktionieren ganz gut für den Tanz der Nacht, unsäglich find ich immer noch die Gospel-Einlage, auch wenn sie aus dem Original –Nr.1-Hit von Prince Ital Joe & Marky Mark stammt. Ich brauch definitiv kein 90er Revival.
Lustigerweise findet sich United auch in keiner wirklich relevanten Dance-Hitliste. Irgendwie ein Phänomen. Ich tippe mal, dass die Käufergruppe noch zu jung ist, um Parties und Discos zu besuchen. Dafür allerdings ist der Chartauftritt ungewöhnlich. Kids rennen eigen tlich immer gleich beim Erscheinen der CD in den Laden und kaufen sich das Ding. Und danach geht’s schnell abwärts. Hier also ein Phänomen: United steigt in seiner dritten Chartwoche von der 64 auf die 49 und beschert Mark ’Oh seine höchste Chartplatzierung seit 2004. Ich staune!

Die physische CD ist auf dem Rückzug? Vielleicht noch nicht ganz, denn auch für Chairlift ist noch eine Single-Veröffentlichung angekündigt. Bekanntheit erlangte ihr Song Bruise allerdings vor allem durch den Einsatz als Werbespot-Soundtrack für den iPod Nano im vergangenen Herbst. Damals erschien auch ihr Album Does You Inspire You, zumindest in den USA. In Europa hat es einen Moment länger gedauert, dann nahm Columbia/Sony die Band aus New York in ihr Repertoire auf. Das Album erschien noch einmal in überarbeiteter Version und plötzlich ist auch Bruise wieder aktuell und erhält ein offizielles Video. Was nun aber die Käuferinnen aktuell dazu treibt, sich Bruise auf ihren iPod zu laden, das kann ich nicht nachvollziehen. Vielleicht ist es ja auch das ganz natürliche, langsame Wachsen einer Nachfrage. Der Einstieg in die Chartliste auf 81 ist ja nun auch nicht so ein wahnsinnig riesiger Sprung. Zur Musik vielleicht noch ein Wort. Da wird ganz viel drüber geschrieben, dass Chairlift in einen Topf gehören mit MGMT und Empire Of The Sun ... naja, vielleicht sind sie da ein wenig verwandt weil sie ein ähnliches Instrumentarium verwenden. Ich finde aber Chairlift viel eher in der Singer-/Songwriter-Ecke zu Hause. Das Ganze klingt mir doch etwas zu poetisch-romantisierend ... das sind MGMT auf ihre Art vielleicht auch, aber da gibt es mehr Brüche, die ich bei Chairlift eindeutig vermisse.

Und wenn wir Empire Of The Sun und MGMT schon mal anführen, die beiden Bands sind derzeit nicht nur ganz gut präsent auf allen möglichen hippen Frequenzen, sie sind auch im Verkauf (und dort mit Sicherheit vor allem im Downloadbereich) immer wieder und immer noch erfolgreich. Empire Of The Sun lieferten kürzlich (am 22. Juli) zur längsten Sonnenfinsternis des 21. Jahrhundertseinen exklusiven Online Event. Weiß nicht, wieviele Menschen das in Europa und Deutschland mit verfolgt haben. Und sicher hat dieser Auftritt auch gar nichts damit zu tun, dass We Are The People just in dieser Woche wieder in den deutschen Charts steht. Nämlich auf der 82. Und – das ist ein wenig verwunderlich – erst in der achten notierten Woche. Hmm.

Auf eine etwas längere Chartkarriere können dagegen MGMT zurück blicken. Kids befindet sich seit Ende letzten Jahres immer wieder mal in den Charts. Es ist der weitaus erfolgreichste Titel der Band und dieses ist Chartaufenthalt Nummer drei nach der dreimonatigen Zwangspause. Platz 83 gibt es in dieser Woche und das ist bereits die zwanzigste, in welcher der Titel notiert wird.

Was ist noch an modernen Klassikern bzw. Dauerbrennern wieder dabei? Zum Beispiel der Nr.1-Hit des letzten Sommers All Summer Long von Kid Rock. Auch dieser Titel hatte drei Monaten verordnete Pause, verkauft sich aber immer noch in ausreichendem Maße, so dass er jetzt wieder auf der 85 gelistet wird. Ein bisschen ist mir dieser anhaltende Umsatz auch ein Rätsel: Wer bitte hat den diesen Titel nicht schon auf seinem Player? Aber das sind eben die Geheimnisse des Long Tails ... All Summer Long sammelt in seinem dritten Chartaufenthalt eine 47. Woche ein. Ordentlich.

Rein raus, rein raus … so geht es bei Die Ärzte. Lasse redn, der Titel, der mit 37 Chartwochen der am häufigsten notierte der Ärzte ist, steht in dieser Woche zum sechsten Mal in der Auflistung der Neu- bzw. Wiedereinsteiger. Platz 94 wird vermerkt.

In ihrer 52. Woche stehen derzeit Ida Corr vs. Fedde le Grand. Let Me Think About It ist wohl auch so etwas wie ein Partyklassiker. In dieser Woche wieder dabei auf der 96.

Und der letzte Wiedereinsteiger fügt seiner Bilanz noch eine neunte Woche hinzu, und das freut mich besonders, denn Auflösen ist für mich eines der schönsten Lieder von Den Toten Hosen. Und eines der schönsten Liebeslieder derzeit ist es auch. Platz 98 und sehr sehr schade, dass dies die letzte Notierung sein wird.

So – und wenn ich weiter oben behauptet habe, da gäbe es keine CD-Neuveröffentlichungen mehr, dann habe ich natürlich absichtlich gelogen. Allerdings ist alles, was da noch so am Start ist, eindeutig Nischenmusik. Zum Beispiel die Village Boys. Das ist die aktuelle Boy-Casting-Group für Schwule. Zusammengestellt wurde sie vom Fernsehsender TIMM auf den verschiedenen CSD-Umzügen in Deutschland. Herausgekommen ist eine Neuversion der Village People, nur in ultrajung. Die Boys sind alle zwischen 20 und 30 Jahre alt, sehen genauso aus, ziemlich glattgeleckt, und kostümieren sich in der Tradition des Vorbilds aus den 70ern als Motorrad-Leder-Biker, Feuerwehrmann, Matrose, Polizist etc. Hmm – an dem Projekt kann man sicher gut finden, dass die Homos sich offensichtlich mehr und mehr in der Gesellschaft etablieren und auch mit den schlimmsten Projekten gut ankommen. Grässlich ist allerdings, dass die Band nur dumme Klischees wiedergibt – und da meine ich gar nicht die Männlichkeitsrollen von Bauarbeiter bis Cowboy – sondern das: Schwule sind nicht alle glattrasiert, feminin und unter 30. Da gibt es ganz andere. Und vor allem auch viele, die die Unrasierten mögen (an dieser Stelle empfehle ich mal einen Ausflug in eine x-beliebige Schwulenbar: der Vollbart ist da gerade ein Must Have). Aber gut, bei einem Casting kann nicht viel anderes rauskommen.
Ähnlich voraussehbar ist die Titelwahl. Auf wikipedia lässt sich die Geschichte finden, dass bei einer Abstimmung im Jahr 2008 unter den 50 schwulsten Liedern Kylie Minogues Better The Devil You Know auf Platz 7 landete. Und dieses Popstückchen hat man nun den Village Boys gegeben. Herausgekommen ist ein pompös-schwules Pop-Disco-Stückchen, nachdem sich garantiert sorgenfrei und anspruchslos feiern und tanzen lässt. Und da ist dann wieder das Problem. Kylie Minogue schaffte mit dem Original 1990 in Deutschland immerhin eine Platzierung auf der 24, in Großbritannien und Australien ging es sogar bis in die Top 5. Die Village Boys stehen mit ihrer bewusst sich abgrenzenden Inszenierung auf Platz 86. Da hatte selbst der erste Versuch einer schwulen Casting-Band im Jahr 2003 mehr Erfolg. Marilyn’s Boys konnten damals nämlich zwei Hits knapp unterhalb der Top 50 absetzen. Aber all das interessiert die Gay Community ohnehin nicht – let’s party boys!