8. Mai 2009

Und eine neunte Woche steht Lady GaGa mit Poker Face an der Spitze der deutschen Charts. Das ist schonmal nicht schlecht. Das letzte Mal, dass ein Titel es so lange auf Position 1 aushielt war zum Jahreswechsel 2007/08. Damals waren die Überflieger Timbaland presents OneRepublic. Ihr Titel Apologize wurde dann auch der bestverkaufte des Jahres 2008. Mit neun Wochen als Spitzenreiter hat also Lady GaGa gute Chancen, einen ähnlichen Titel in etwas mehr als einem halben Jahr abzuräumen.
Auch in den Download-Charts kehrt Lady GaGa mit Poker Face an die Spitze zurück – das vermeldet zumindest media control extrem stolz. Allerdings frage ich mich schon, welchen großen Unterschied die beiden Listen machen. Oder besser: da media control ja ein extrem strenges Copyright für ihre Listen gelten lassen ist es kaum möglich zu analysieren welcher Titel wo und warum wie platziert ist. Das dürfen dann die Abteilungen der großen Musikkonzerne tun. Alles in allem eine eher mühsame Angelegenheit, die eigentlich nur bewirkt, dass die Charts mehr und mehr an Relevanz verlieren. Und vielleicht ist das ja auch nur konsequent und gut.

Lady GaGa kann in dieser Woche auch der neuen Single des deutschen Superstars Mark Medlock Mamacita standhalten. Diese steigt nämlich "nur" auf Position 2 ein. Der erfolgreichste Sieger der DSDS-Show verpasst damit knapp seinen vierten Nr.1-Hit, aber er kann nun auf seinen fünften Hit in Folge verweisen, der unter den besten 5 landet. Einmal mehr beweist Produzent Dieter Bohlen, wie gut er das Geschäft kennt. Sieger der ersten Staffel Alexander Klaws veröffentlichte seine fünfte Single nur knapp ein Jahr nach seinem Debüt und nach zwei Jahren war er eigentlich schon tot vermarktet. - Bei Mark Medlock lässt man sich Zeit. Neues Album, jeweils eine einzige (!) Hitsingle, im Herbst / Winter jeweils eine Tour, dazwischen ruhig auch mal die eine oder andere Schlagzeile ... und das Spiel beginnt von vorn. Funktioniert. Sogar bei nahezu identischem Sound, denn Mamacita arbeitet mit einer ganz ähnlichen Stimmung wie Vorjahres-Hit Summer Love (der sich übrigens im Windschatten des aktuellen Hits auch nochmal auf die 83 schwingen kann): Südsee, Sonne, Strandbar, Mädchen im Bikini ... Unter feministisch-genderbewusstem Aspekt darf man sich den Text natürlich nicht anhören. Da wird mit Klischees und Sexismus agiert was das Zeug hält. Affirmative Popmusik, die nichts weiter will als überall im Hintergrund rauschen und sich millionenfach verkaufen. Und das tut sie.
Statistisch gesehen wird es nächste Woche für Mark Medlock spannend: Schafft er es, Lady GaGa vom Thron zu stoßen? Es wäre das erste Mal, dass ein Titel von ihm sich im Vergleich zur ersten Verkaufswoche noch verbessern kann.

Mark Medlock stellt den einzigen neuen Titel in den Top 10 und verdrängt alle anderen um wenigstens einen Platz nach unten. So auch Milow, der Ende letzter Woche für Ayo Technology eine Goldene Schallplatte erhielt. 150.000 x wurde die Single verkauft und hier können wir noch einmal die Gegenüberstellung digital - physisch aufmachen: 35.000 CDs gingen über den Ladentisch, während 115.000 mal der Titel als Download erworben wurde. Deutlicher kann ein Ergebnis doch gar nicht ausfallen. Und jetzt frage ich mich, warum dennoch in den Charts und überall der physische Release immer noch mehr Gewicht hat.

Diese Woche wird ein wenig bestimmt von deutschen Produktionen. Neben Mark Medlock melden sich mit Eisblume die wichtigsten oder erfolgreichsten, deutschen Newcomer des Jahres zurück. Leben ist schön ist die Nachfolgesingle zum Debüt Eisblumen (in dieser Woche von 47 auf 49 rutschend). Und irgendwie ist an diesem Titel sehr gut ablesbar, was momentan im deutschen Bandgeschehen angesagt und erfolgreich ist. Da klingt es lyrisch dunkel, man könnte auch sagen romantisierend, gern auch mit einer etwas morbiden Ader, irgendwie gleichzeitig auch ein bisschen vorlaut. Das Ganze ist natürlich sehr marktkompatibel produziert und daher stammt dann wohl auch der Vorwurf, Eisblume seien berechenbar und stilistisch unentschlossen. Wie auch immer dieser Stil zu bewerten ist, die zweite Single verfehlt bei ihrem Erscheinen dann doch deutlich den Erfolg des Vorgängers. Platz 18 sorgt immerhin für einen zweiten Top 20-Hit und ist nach Mark Medlock der einzige neue Titel unter den bestverkauften 20.

Die erfolgreichste Veröffentlichung eines internationalen Acts ist lose mit dem Disney-Imperium assoziiert. Taylor Swift, gerade 19 Jahre alt, hat an sich das Zeug zu einer bodenständigen Singer-Songwriter-Karriere. Mit Love Story (Album und Single tragen den gleichen Titel) platziert sie sich recht deutlich im Country-Genre. In den USA reichte ihr Talent bereits aus, um ihr einige HIts in den Billboard Hot 100 zu verschaffen. Hier in Deutschland erreichte sie Bekanntheit vor allem durch ihre Liaison mit Joe Jonas von den Jonas Brothers. Und so kam es wohl auch zu ihrem Auftritt in dem kommenden Hannah Montana-Film, der ab 1. Juni auch in Deutschland zu sehen sein wird. Mit dieser PR im Rücken schwingt sich Love Story in seiner ersten Woche auf Rang 23. Und ich komme ins Überlegen, ob Disney vielleicht doch eine ernstzunehmenede Plattform für junge Talente ist.
Die wahre Hannah Montana oder besser Miley Cyrus herself kann in dieser Woche ebenfalls punkten. Nachdem The Climb bereits vor drei Wochen mal kurz in die Liste reinschnupperte, setzt er sich nun mit der physischen Veröffentlichung auf die 43, und das ist die beste Platzierung seit Oktober letzten Jahres, als Miley Cyrus mit / Things erstmals unter ihrem eigenen Namen im Musikgeschäft mitmischte.

Eine Frage beschäftigt mich angesichts der aktuellen Charts schon: Wie konservativ ist Deutschland eigentlich? In großangelegten Image-Kampagnen und in den Reden von PolitikerInnen heißt es ja gern: Deutschland ein Ort der Innovation. Am Musikgeschäft lässt sich das allerdings nicht so leicht festmachen. Zumindest im Moment. Zum Beispiel Folgendes: da läuft der erfolgreichste Film des Jahres in den Kinos, dekoriert mit 8 Oscars, ein globaler Rundumschlag zwischen westlich-kapitalistischer Welt und Bollywood-Märchen, der Titel Slumdog Millionair. Klar gibt es auch den Soundtrack zu erwerben, für den europäischen und amerikanischen Markt sogar in einer verkaufsfördernden Neuaufnahme von A R Rahman & The Pussycat Dolls feat. Nicole Scherzinger, der Titel Jai Ho ! (You Are My Destiny), in Großbritannien ein Riesenhit. Und in Deutschland? Charteintritt auf Platz 29. Für die Pussycat Dolls das schlechteste Ergebnis überhaupt, für Nicole Scherzinger sowieso ... Warum? Ist der indisch angehauchte Disco-Pop zu viel für das deutsche Gemüt? Das Ganze doch zu global fremd? Ich hatte nach dem ersten Hören auch erstmal Irritationen, aber mittlerweile muss ich zugeben: coole Mischung, sogar ziemlich eingängig, vielleicht nicht der originellste Ethno-Pop, trotzdem mehr als OK. Und im Musikfernsehen läufts ziemlich hoch und runter. Vielleicht ist es doch die verunsichernde Orientierung auf den Westmarkt? In Indien ist A R Rahman ein Riesenstar. Wie seine anderen Filmsounds klingen, weiß ich nicht. Dass er nach Jai Ho ! noch wesentliche HIts hier landen wird, wage ich zu bezweifeln. Bis in Deutschland auch Stars aus Ägypten, Russland, Brasilien oder Indien als normal angesehen werden, wird wohl noch so manches Jahrzehnt vergehen.

Eines lässt auf alle Fälle hoffen: Kinder-Casting-Pop scheint sich allmählich zu erledigen. Denn das neueste Produkt des SuperRTL Star-Tagebuch namens Cherona verfehlt das, was banaroo, Yoomiii und beFour geschafft haben: eine Platzierung mindestens in der Nähe der Top 10. Platz 37 ist so deutlich abgeschlagen, da könnte ich folgern: der hundertste Aufguss von Magic Melody funktioniert eben doch nicht, so schnell wachsen die Musikkonsumenten nicht nach. Außerdem ist der Titel Ching Cheng Chong so bescheuert, da verweigern sich auch die 8- bis 14-jährigen. Die sind nämlich schon ganz woanders.

Neu auf dem deutschen Markt, zumindest als Solo-Künstlerin ist Alesha Dixon. Als Teil des Duos Mis-Teeq war sie in den Jahren 2002/03 mit drei Titeln in deutschen Charts vertreten. Nach dem Split des Projektes versuchte sie es solo, der Erfolg kam nicht sofort, die Plattenfirma ließ sie fallen und über diverse Casting-Shows und Fernsehauftritte erlangte sie dann doch Popularität, woraufhin eine andere Musikfirma ihr eine zweite Chance gab. The Boy Does Nothing ist die erste Veröffentlichung und erreichte im November letzten Jahres die Top 5 in ihrer Heimat Großbritannien. Wie immer bei neuen britischen Acts brauchte es eine Weile, ehe auch der deutsche Markt beackert wird. Und nun liefert uns Warner eine neue Dame, die sich deutlich auf den Sound der 50er und 60er bezieht. Nicht wahnsinnig originell, aber mit einer Menge Charme. Im Grunde eine der lustvolleren Veröffentlichungen in dieser Woche und mit Platz 40 sehr sehr unterbewertet. Allerdings: besser als alles was Alesha Dixon mit Mis-Teeq jemals erreicht hat. Das gibt doch schon mal Grund zur Freude.

Und noch einmal gibt es Freude für einen Act aus Großbritannien. Vor zwei Wochen hatte ich schon ein wenig gemosert, warum das in Deutschland mit The Ting Tings nicht so richtig klappen will. Und nach wie vor ist ja die Frage, warum mit ein Jahr Verspätung erst eine Veröffentlichung von Shut Up And Let Me Go in Deutschland. Was mir vor 14 Tagen dabei entgangen ist: der Titel hat sich zu diesem Zeitpunkt als Download auf der 94 platzieren können, ohne dass die mp3-Single schon veröffentlicht gewesen wäre. Da haben Fans einfach mal den Track als Einzeldownload aus dem Album gekauft und ihm so zu einer Platzierung verholfen. In der letzten Woche folgte dann der Sprung auf die 55 - der höchste Aufsteiger der Woche - denn dann war die digitale Single offiziell verfügbar (z.B. auch über solche Plattformen wie amazon etc.) und nun ist auch die CD-Single da und prompt geht es nochmal neun Plätze nach oben. Shut Up And Let Me Go sitzt damit prima auf der 46 und ist damit sehr nahe an dem Höchstwert der Vorgängersingle That's Not My Name vom vorigen Mai dran. Da landeten The Ting Tings nämlich auf der 42.

Ebenfalls ihren zweiten Charterfolg, allerdings in wesentlich kürzerer Zeit feiert Ingrid Michaelson. Die New Yorker-Sängerin ist eine der Damen, die per mySpace zu Erfolg kamen und mit etwas Verspätung Ende letzten Jahres auch in Deutschland mit einer physischen CD-Veröffentlichung beglückt wurden. Ihr Debüt in den Single-Charts The Way I Am brachte es bis Platz 69. Nun wurde Be OK veröffentlicht und landet auf Anhieb auf der 64. Es geht also aufwärts mit Frau Michaelson. Ihre Lieder klingen so als würde man sie schon ewig kennen, sofort zum Mitträllern und auch immer eine Spur zu sorglos: das Leben ist schön und leicht und ich bin froh jung zu sein ... gute Laune-Musik, die aber nicht für den Dauereinsatz geeignet ist. Dann wirds nämlich anstrengend mit der naiven Weltsicht.

Und was macht unser Hitlieferant DSDS? Am 25. April hieß es "Großes Kino & Intime Balladen", tja und der Titel welcher am meisten überzeugte war There You'll Be aus dem Film Pearl Harbor. Annemarie Eilfeld hatte sich die pathetische Schmonzette ausgesucht, im Original von Faith Hill interpretiert und ihr einziger nenneswerter Hit in Deutschland. Im Juli 2001 brachte sie es bis zu Platz 8. Nun also bekommt There You'll Be und damit auch Faith Hill nochmal eine Chartplatzierung dazu, und zwar die 71.
Und auch der zweite Titel, den Annemarie Eilfeld zum Besten gab, schafft es wieder in die Liste. Auf der 76 steht nunmehr in der 24. Woche der bislang größte kommerzielle Erfolg von Kelly Clarkson Because Of you. Zuletzt war er vor ziemlich genau einem Jahr für eine Woche notiert. Und jetzt dürfen alle mal raten, was da wohl der Auslöser war?

Auch die Titelauswahl von DSDS-Zweiter Sarah Kreuz schafft es noch einmal zu Chartehren. Sie hatte sich Duffys Warwick Avenue ausgesucht und nachdem der Titel im April die Liste verlassen hatte, kehrt er nun auf der 79 wieder zurück. Insgesamt auch schon die 24. Woche.

Auch wieder dabei in der media control-Auswertung der bestverkauften Titel sind The Disco Boys feat. Manfred Mann's Earth Band mit dem Track For You, das, was ohne Zweifel ein moderner Klassiker ist, der mittlerweile auf so ziemlich jedem iPod, Laptop oder sonstigen Handys zu finden sein dürfte. Nach dreimonatiger Sperrfrist geht der Titel nun in seinen siebten Chartlauf. Zuletzt war er Anfang des Jahres rund um die Position 70 platziert und dort findet er sich auch jetzt wieder ein: Platz 78 und in der Auswertung aller Hitlisten ist es der am fünftlängsten notierte Titel.

Und wenn wir hier schon die Wiedereinsteiger abfackeln: noch einmal ein paar Plätzte nach oben schwingt sich Michael Wendler. Sein letzter Hit I Don't Know bringt es auf eine neunte Woche in den deutschen Charts mit dem aktuellen Platz 84. Im Prinzip dürfte es das dann aber für diesen Titel gewesen sein.
Aus dem Genre Schlager-Discofox gibt es aber aktuellen Nachwuchs: Anna Katharina Stoll. Ihre erste Chartplatzierung schafft sie mit der Single Wenn du diesen Brief liest auf der 93. Und natürlich geht's hier wie immer um verschmähte Liebe und dass der andere es sicher bereuen wird, aber sie ist ja die starke Frau, die es jetzt schon weiß, und - schade - wenn er ein Einsehen hat, dann ist alles schon zu spät. Geschichten für alkoholisierte Gemüter.


Und zum Schluss noch einmal Musik und Fernsehen, dieses mal gibt's nen Link zu einer Serie. Seit 18. April läuft auf Pro Sieben nämlich Gossip Girl. Und in dieser Serie da kam dann auch der Titel Rich Girls von The Virgins vor. und das ist dann auch schon die gesamte Story hinter dem Platz 82.