24. April 2009

Wir werden uns wohl daran geöhnen müssen: in der letzten Woche hatten wir 21 Neuzugänge, davon fünf direkt unter die oberen 20 und lediglich 3 (!) Rückkehrer (allein das ist in den aktuellen Zeiten schon eher außergewöhnlich), und in dieser Woche ...? ... siehts dann erstmal vergleichsweise öde aus. Höchster Neuzugang auf der 22, relativ stabile Top 10. Die Extremzustände scheinen zuzunehmen. Entweder alles anders oder alles gleich. Heißt dass etwa, dass wir alle völlig gleichgeschaltet sind und es die langsame Entwicklung eines Geschmacks gar nicht mehr gibt? Nur das Fernsehen hat uns noch im Griff, denn fast alles was an Bewegung stattfindet ist irgendwie mit TV-Ereignissen verbunden.

TV-Link Nummer eins: Lady GaGa und ihr Hit Poker Face kann sie sich die siebte Woche in Folge als bestverkaufte und meistgehörte Single durchsetzen. media control meldete zwar zur Wochenmitte, dass sie in den Downloadcharts an Boden verloren hat, in der Gesamtschau bleibt sie allerdings weiter unangefochten. Und das sehr wahrscheinlich auch wegen ihres Auftrittes bei Schlag den Raab am Samstag, den 18. April. Immerhin ging es in der mehr als 300 Minuten langen Show um 2,5 Millionen - und so etwas liebt das deutsche Fernsehpublikum.
Lady GaGas Ersthit Just Dance klettert auch nochmal ganz ordentlich von der 20 auf die 11. Und das in der insgesamt 32. Woche. Hier ist die Fünfte DSDS-Motto-Show schuld, denn Annemarie Eilfeld wählte Just Dance für eine eigene Version aus.

Auch Milow war bei Stefan Raab zu Gast und kehrt auf Platz 2 zurück. Ein drittes mal kann er die Vize-Position belegen und hatte nur in der letzten Woche eine kurze Pause auf der 3 eingelegt. Ayo Technology besitzt damit nicht nur in der Zielgruppe zwischen 13 und 18 eine Menge Attraktivität ... und wer weiß, vielleicht kann er sich sogar nach fünf Wochen demnächst als Favorit durchsetzen. Nach den neuen Regeln allerdings ist nächste Woche wieder ordentlich Aufruhr in den oberen Plätzen. Und ich persönlich halte Ayo Technology nicht wirklich für einen Chart-Topper.

Ebenfalls zurück und zum dritten mal auf Höchstposition sind Razorlight, die mit Wire To Wire noch mal kehrt machen und von der 6 auf die 3 gehen. Und auch hier dürfte DSDS einen wesentlichen Anteil haben. Dominik Büchele war der Kandidat, dem Razorlight danken müssen. Allerdings gaben sie am 11. April in München das erste Konzert ihrer Tour in Deutschland. Da könnte der eine oder andere Fan auch nochmal zum CD-Regal gegangen sein. Das heißt in der nächsten Woche dürfen wir Razorlight sicher noch einmal ganz oben mit erwarten.
So - und mit diesem Titel hätten wir also drei Titel an der Spitze, die mindestens schon fünf Wochen dabei sind. Da könnte ein wenig frischer Sound gut passen.

Nach oben dank TV geht es auch mit Beyoncé. If I Were A Boy kann sich nach der Interpretation durch Sarah Kreuz bei DSDS nochmal ordentlich verbessern: von der 67 gehts auf die 36. Wahrscheinlich hat Frau Kreuz einen Deal mit Beyoncé, denn sie hat ja vor ein paar Wochen schon Listen wieder in die Charts verholfen.
Einen ähnlichen Effekt können wir bei Polarkreis 18 beobachten, deren Allein Allein nach der Performance durch Daniel Schumacher von der 31 nochmal auf die 21 steigt.
Außerdem steigt Ne-Yo mit Closer noch einmal ein auf Platz 64, Interpret bei DSDS war Benny Kickhäben, und Ich + Ich mit Stark auf der 79 (höchste Platzierung seit September 2008), zweiter Beitrag von Dominik Büchele.

Mal abgesehen von den TV-infizierten "Oldies" gibt es im moment nicht viel Taufrisches. Neu in der aktuellen Chartliste unter den ersten 20 ist nur ein Titel - und der ist auch kein Überraschungsdurchstarter. The All-American Rejects steigen mit Gives You Hell in ihrer zweiten Woche zwei Plätze von der 21 auf die 19. Sie profitieren eindeutig vom ausbleibenden Druck der Neuerscheinungen.

Die beste neue Veröffentlichung, welche sich platzieren kann ist das Duett von Jason Mraz and Colbie Caillat. Seit Anfang April gibt es Lucky als Download - hier also ganz modernes Marketing wie in den großen Musiknationen: mal die Digitalveröffentlichung vorher terminieren und anhand der Platzierung entscheiden, was noch getan werden muss an Werbung, Vermarktung ... Den zweiten Schritt hat dann Warner nicht ganz so ernst genommen, denn die Download-Single allein hat es ja nicht zu bemerkbaren Verkäufen gebracht. Offensichtlich ist die Zielgruppe etwas konservativer. Oder die Gitarren-Ballade ist eben nichts was auf dem iPod funktioniert. Mit Erscheinen der realen CD schafft es nun der Titel und damit die dritte Auskopplung aus dem Album We Sing, We Dance, We Steal Things auf Platz 22 in die Charts. Lange Zeit sah es ja so aus, als bliebe Jason Mraz ein One-Hit-Wonder. I'm Yours war so erfolgreich und überpräsent, dass sich die Nachfolgesingle Make It Mine nur ganz knapp eine Woche lang auf die 100 hangeln konnte. Aber erinnert sich noch jemand an den Song? Nun ist alles anders. Mit dem Duett etabliert sich Jason Mraz nun wohl endgültig als erfolgreicher und massenkompatibler Songschreiber. I'm Yours geht dann auch gleich noch mal als Re-Entry auf der 96 in die Liste. Es dürfte spannend werden, wie er sich mit kommendem Material durchsetzt.
Für Colbie Caillat, den amerikanischen mySpace-Star ist Lucky der vierte Titel unter ihrer Mitwirkung, der sich in bedeutender Anzahl verkauft. Ihren größten Hit hatte sie mit ihrem Chartdebüt Bubble Ende 2007, der es sogar bis in die Top 10 schaffte und auch heute noch überall immer mal wieder zu hören ist. Danach wurde sie offenbar ganz gern als Duettpartnerin angefragt, wahrscheinlich war ihr durch mySpace wesentlich beeinflusster Erfolg modern und aufmerksamkeitsversprechend genug. Wir erinnern uns an die Kollaboration mit Schiller im Herbst - damals ein Top 20-Hit. Und nun geht es also nahtlos weiter mit Jason Mraz. Für Colbie Caillat scheint sich da also eine Karriere an der Seite erfolgreicher Herren anzubahnen ...

10 Plätze nach oben gehts für die Plain White T's, die mit 1 2 3 4 in ihrer siebten Chartwoche von 37 auf die 27 steigen und damit für diesen Titel einen neuen Höchststand einfahren. Was genau diese Bewegung verursacht hat, ist mir hier aber nicht klar, außer dass der Titel nach wie vor schön, ruhig und eingängig ist. Eventuell entpuppt er sich als klassischer Spätzünder und klettert nun ganz langsam nach oben, um der Band ihren zweiten Top 20 Hit zu bescheren. Wie gesagt, wodurch die Popularität plötzlich steigt, kann ich nicht sagen.

Vor drei Wochen hatte ich Gelegenheit mich über den deutschen Aggro-Rap auszulassen, besonders über den Zwist Sido und Fler, der ja angeblich wieder beigelegt wurde. Und ich würde sagen, hier kommt Friedenspfeife Nr. 2, denn Aggro veröffentlicht in Relordzeit die nächste Fler-Single Ich sing nicht mehr für dich, welche der Rapper im Duett mit Sido-Freundin Doreen aufgenommen hat. Nun dürft ihr von dieser Konstellation denken was ihr wollt, Fakt ist, dass der Titel ziemlich sanft klingt, Fler gibt den weichen, schuldbewussten Typen, der aber trotzdem nicht anders kann als Macho sein, Doreen dagegen kommt viel cooler daher, klingt allerdings irgendwie auch nach Cassandra Steen. Mein Geschmack ist das immer noch nicht, aber die Fangemeinde mag es und hievt die Single auf Platz 33. Fler kehrt damit nach über einem Jahr Pause wieder in die obere Charthälfte zurück. Doreen steht damit in diesem Jahr bereits zum zweiten mal an der Seite eines Rappers und kann sich bis ans obere Drittel herankämpfen. Könnte man jetzt fragen: wem nutzt diese Zusammenarbeit eigentlich mehr?

Nutznießer bei Zusammenarbeiten ist ohnehin ein langes Thema. Da verhalf doch Akon dem wesentlich unbekannten Kardinal Offishall durch sein Mitwirken auf Dangerous im Herbst zu einem waschechten Top 20-Hit. Aber komischerweise lief es mit den eigenen Veröffentlichungen aus seinem Album Freedom dagegen überhaupt nicht gut. Aber nun wurde das Duett umgekehrt und dazu noch der gerade durch Lady GaGa ordentlich ins Rampenlicht gerückte Colby O'Donis dazu genommen und schon geht's wieder hoch in der Aufmerksamkeitsskala. Akon featuring Kardinal Offishall & Colby O'Donis schaffen in der ersten Woche nach Erscheinen der Single Beautiful den Einstieg auf Platz 34. Der Titel selber, gewohnter Sound, nichts unerwartet Neues oder Verunsicherndes. Und daher kommt dann wohl auch die "durchschnittliche" Platzierung. Alle drei waren schon höher notiert. Manchmal reichen eben clevere Kombinationen von Stars allein nicht ganz aus.

Newcomer of the Week ist für diese Woche die amerikanische Band Shinedown. Seit 2001 existiert die Band, im Herbst veröffentlichten sie mit The Sound Of Madness ihr drittes Album. Aus diesem stammt auch Second Chance, die aktuelle Single, die in dieser Woche den Einstieg auf Platz 53 schafft. Auch hier gibt es einen TV-Link dazu (ohne solchen geht offensichtlich fast nichts mehr): der Titel wurde als Hintergrund für die Promo-Trailer zu Terminator - The Sarah Connor Chronicles benutzt. Lief/läuft auf Pro7.

Newcomer Nr. 2 hat eine ganz ähnliche Geschichte: My Excellence kommen aus Wien und landen mit The End Of Days auf Platz 73 nachdem der Song als Kampagnenmusik für die neue Staffel Ghostwhisperer auf Kabel 1 diente.

Noch einmal zurück zum Thema TV und Castingshows. Das Deutschland sucht den Superstar die deutschen Charts beeinflusst, ist deutlich und auch nicht verwunderlich. Schwieriger wird es da mit den Varianten aus Großbritannien und den USA. Ok - Leona Lewis (Idols-Gewinnerin 2007 in GB) hat letztes Jahr ordentlich durchstarten können, aber wer von den amerikanischen Gewinnern ist denn außer Kelly Clarkson hier erfolgreich? Seit letztem Jahr könnte man Jordin Sparks an dieser Stelle nennen. Sie gewann 2007 den Ausscheid, aber in Deutschland tat man sich sehr schwer mit der Vermarktung. Da musste erst ein Duett mit Chris Brown her, welches dann auch ordentlichen Erfolg hatte, ehe die Plattenfirma sich traute, auch Tattoo als Single zu veröffentlichen. Das war vor gut einem Jahr und nun - der Name Jordin Sparks ist fast schon vergessen - steht One Step At A Time in den Regalen. Auch das wieder eine sehr auf den amerikanischen Markt hin produzierte Nummer, gefällig und gefühlsselig. Zusammen mit der etwas seltsamen Veröffentlichungspolitik ergibt das einen Chartstart auf Platz 55. Meine Prognose: mehr wird das auch nicht und vielleicht ist diese dritte Single von Jordin Sparks das letzte was wir hierzulande von ihr zu hören bekommen.

Ein Projekt, welches nach drei Charthits in den Jahren 2001/2002 bereits vergessen schien, ist das Hamburger Elektro-Pop-Trio SONO. Mit Keep Contorol konnten sie Anfang des Jahrtausends einen guten Clubhit landen, der in den USA zum Dance Club Play Track Nr. 1 gewählt wurde. In Deutschland reichte es für Platz 51 in den media control-Charts. Jetzt, 8 Jahre danach kehren SONO zurück. Im Sommer soll ein neues Album erscheinen, derweil gibt es ihren Hit von 2001 in überarbeiteter Fassung unter dem Titel Keep Control Plus. Seit 10. März soll der Track bei Kontor zu haben sein, angeblich existiert auch eine CD-Variante. Auf den Mainstream-Portalen wird allerdings lediglich die Digitalsingle angeboten mit Remixen von Fedde le Grand, Gregor Salto und Motopark. Mit Vertrieb der Files durch Universal steigt der Track auf Platz 77 ein.

Zurückgekehrt in die Liste der meistverkauften Titel ist September mit ihrem Burner Cry For You. Auf Platz 91 verbringt sie nach drei Monaten Pause eine 15. Woche und irgendwie hat ihr Track immer noch jede Menge Schmelz, der mich gern mitwippen lässt.
Das Spielchen mit dem Rein und Raus beherrscht auch Eric Prydz, nach einer Woche Pause ist Pjanoo auf der 98 mal wieder notiert.
Und auf der 100 steht nach etwa einem halben Jahr Pause auch wieder P!nk mit Dear Mr. President in der Liste. Wahrscheinlich ist das aber irgendwie ein Massenirrtum, denn nach DSDS müsste Nobody Knows hier stehen. Ach ... auf nichts ist Verlass!

Meine Lieblingsveröffentlichung in dieser Woche - und eigentlich hätte ich sie ganz zu Anfang gleich abhandeln sollen - ist die zweite Single der Ting Tings. Ich habe mich ohnehin schon ewig gewundert, warum da nach That's Not My Name nichts mehr kommt. Da waren die Herren und Damen bei Columbia / Sony BMG wieder einmal enorm vorsichtig. Bereits vor fast einem ganzen Jahr stand Shut Up And Let Me Go in den britischen Top 10. Warum es so lange gedauert hat mit der Veröffentlichung auf dem deutschen Markt, ich weiß es nicht. Solltet ihr jemanden kennen, der mir auf solche Fragen mal Antwort geben kann, bitte reicht ihm meine Adresse weiter. Nun also, mit Monaten Verspätung ist Shut Up And Let Me Go da und kann sich (leider nur) auf Platz 94 in die Charts schmuggeln. An dieser Stelle noch mal mein Statement: Ich halte die Ting Tings für eine der heißesten Bands derzeit. Basta!