27. März 2009

Die Woche der Pop-Dinosaurier ... oder Hit-Monster ... oder so ähnlich. Und dazu passt, dass Lady GaGa eine dritte Woche mit Poker Face an der Spitze der Gunst der Deutschen. Für sie ist es gerade schade, dass es nicht höher geht, denn all ihre Werke befinden sich derzeit im Aufstieg. Das Album The Fame klettert in den Albumcharts von Position 3 auf 2 und ihre Debütsingle Just Dance mit Gastkünstler Colby O’Donis erklimmt in dieser Woche noch einmal einen neuen Höchststand mit Platz 10. Damit debütiert die Künstlerin im Nachhinein mit zwei aufeinanderfolgenden Top 10-Hits, wenn auch in umgekehrter Reihenfolge des Erscheinens.
Lady GaGa – der Pop-Act der Stunde, an dem momentan niemand vorbei kommt.

Auch nicht Silbermond, die sich ebenfalls eine dritte Woche in Folge auf dem Platz 2 arrangieren können. Aber mit Platz 3 tritt schon mächtig Konkurrenz auf den Plan. Der Belgier Milow debütiert hier mit Ayo Technology, einem Cover des Hits von 50 cent featuring Justin Timberlake welches vor eineinhalb Jahren ebenfalls auf der Position 3 stand und danach noch 19 Wochen in den deutschen Single-Charts notiert war.
Nun bin ich wahrlich kein Black Music und Hip Hop-Fan, aber die lagerfeuerromantisch europäische Version von Milow ist mir persönlich etwas zu weich gespült. Da hat die Timbaland-Produktion von 2007 einfach mehr Drive. Aber wie auch immer, der Musiker, der seinen ersten Hit in Belgien schon 2007 feiern konnte, entert nun also auf Position 3 die deutschen Lande und teilt sich nun mit der deutschen Band Eisblume den Titel des erfolgreichsten Debüts 2009. Bis jetzt.

Auf der 9 gibt es ebenfalls einen Debütanten in den Top 10. Kings_Of_Leon klettern mit ihrer zweiten Single Use Somebody das allererste Mal unter die großen 10. Damit treten sie nun endgültig den Beweis an, dass sie eben auch in Deutschland ein Single-Act sind mit richtigen Hits. In den Album-Charts treiben sie sich ja schon seit einigen Jahren herum.
Und wie zum Beweis steigt auch ihre erste jemals in den Charts platzierte Single Sex On Fire noch einmal in die obere Charthälfte. In der insgesamt 24. Woche geht es von der 52 auf die 49.

Sie sind nicht der höchste Neuzugang, aber trotzdem war es wohl die Pop-Nachricht der Woche: die Pet Shop Boys sind wieder da. Mit neuem Album und neuer Single. Love etc. ist die Vorabauskopplung zu Yes welches gerade jetzt folgt. Der Track ist Zucker – Pet Shop Boys-Sound vom Feinsten, in den 80ern wäre das ein ganz sicherer Top 5-Hit gewesen. Aber die 80er sind trotz aller Revivals eben nicht mehr, und so steigt Love etc. nur auf Position 15 ein. Aber was heißt hier: nur. Das letzte mal, dass sie ohne Unterstützung in solchen Höhen vertreten waren, war vor 7 Jahren. Zwischendurch gab es zwar allerlei Singles, aber allesamt verfehlten die oberen Plätze. Bis auf die Zusammenarbeit mit Robbie Williams vor zwei Jahren, die den Pet Shop Boys nach 14 Jahren noch einmal einen Top 5-Titel bescherte. Und so kommt es, dass ihnen mit Love etc. erstmals seit 1993 wieder mit zwei aufeinanderfolgenden Titel eine Platzierung unter den oberen 20 gelingt. Das könnte fast ein wenig darüber hinwegtäuschen, dass die Pet Shop Boys zwar immer noch produzieren, aber eigentlich nur noch von einer zunehmend schrumpfenden Zahl alternder Fans wahrgenommen werden. Oder entdecken jüngere Musikkonsumenten den Act gerade neu für sich?

Das Non-Plus-Ultra des Pop-Business ist zum Ende des ersten Jahrzehnts der 2000er die Kombination von Rap- oder Rock-Artist und Elektro-Act ... oder noch besser ElektroPunk-Act. So schon einige male erfolgreich zelebriert, ob es nun Daft Punk vs. Kanye West waren oder Kevin Rudolf + Lil Wayne. Und hier kommt das neueste Ergebnis: Kid Cudi vs. Crookers – Rapper aus Ohio vs. Remixbuben aus Italien. Das Ganze ist cool, klingt bekannt ... ein bisschen Fedde le Grand, ein bisschen Sunglasses At Night ... fertig ist der Stomper. Day 'N' Night heißt das Ganze, war Anfang des Jahres schon Nummer 2 in Großbritannien, und steigt nach der Veröffentlichung in Deutschland auch hier ein, auf der 23. Für beide Acts ist es das Chart-Debüt.

Der höchste Wiedereinstieg ist dem letzten Aufbäumen des Winters zu verdanken. Der Verkaufszeitraum für die vorliegende Liste war der 13.-20. März 2009. Und in dieser Zeit fanden die Biathlon-Weltcup-Wettbewerbe in Vancouver und Trondheim statt. Natürlich mit reichlich Fernseh-Berichterstattung und Untermalung durch Pictures Of You von The Last Goodnight. Damit sind sie nach einer Woche Pause wieder drin in den Charts, qualifiziert durch steigende Verkäufe, die für Platz 32 reichen. Im Januar hatte die Band bereits mit Platz 25 ihren bisherigen Höchststand verbuchen können. Da der Biathlon-Weltcup noch genau bis zu diesem Wochenende geht, gehe ich mal davon aus, dass Pictures Of You noch zwei Wochen ziemlich gut vertreten sein wird, bevor es dann endgültig aus der Liste verschwindet. Immerhin 23 notierte Wochen stehen jetzt zu Buche.

Auch wieder drin der Sommerhit vom letzten Jahr: Kid Rock mit All Summer Long. Warum, das weiß ich gar nicht genau. jedenfalls finde ich keine nachvollziehbare Erklärung. Vielleicht weil es nun wirklich endlich Sommer werden soll? - Wie auch immer: Platz 37 in der 38. Chartwoche. Und laut Chartregeln können jetzt weitere 8 folgen.
Und an dieser Stelle kann ich auch gleich Katy Perry mit abrocken. Sie schliddert mit ihrem Debüthit I Kissed A Girl auch nochmal auf Platz 50 – wird gleich gewertet als Re-Entry und nun kann sie auf ihre bisher gesammelten 30 Chartwochen noch ein paar draufpacken.

Die aktuelle Woche steht offensichtlich unter dem Thema: Pop-Zombies - oder auch: Totgesagte leben länger. Denn auf der 47 taucht ein Name auf, der seit 1997 nicht mehr in der oberen Hälfte der deutschen Charts geführt wurde. Die Münchener Freiheit versucht es mal wieder. Seit 1980 ist sie aktiv, seit 1984 mit Charterfolgen und zu ihren Hochzeiten 1986/87 schafften sie es zweimal bis auf den Rang 2 mit Schmonzetten wie Ohne dich (schlaf' ich heut nacht nicht ein) oder Solang man Träume noch leben kann. Deutschsprachige Klassiker, die fast zur Grundausbildung in Sachen Pop-Musik gehören, und auch wenn es meist niemand zugeben will, aber irgendwo steht in der Plattensammlung dann doch die eine oder andere Veröffentlichung der Band. Nach den 80ern gab es noch etliche Veröffentlichungen, vieles davon eher im Schlager- als im Popbereich anzusiedeln. Der große Erfolg blieb dann aber aus. Bis sie vor zwei Jahren von den Fantastischen Vier wieder ausgegraben wurden und den Background zu Ernten was wir säen liefern durften. Ein kleiner Geniestreich. Vielleicht hat es diese Art von Repoutation gebraucht, vielleicht ist auch das neue Stück Sie liebt dich wie du bist tatsächlich Ohrwurmfreundlicher, oder es ist der (meiner Meinung nach unsägliche) Club-Mix auf der CD, welcher der Münchener Freiheit nun einen Einstieg auf der 47 ermöglicht. In jedem Fall haben sie damit ein Position erklommen, die sie seit 1991 nicht mehr belegen konnten. So etwas nenne ich in gewissem Sinne auch ein Comeback.

Comeback einer Single und doch irgendwie auch ein Neueinstieg, so ist die Situation einen Platz drunter, auf der 48. Endlich ist nun also MGMT mit Kids als CD erhältlich. Ziemlich genau drei Monate nachdem es erstmals in den Charts auftauchte, kann sich dieser Titel nun also platzieren aufgrund von Realobjekt-Verkäufen. Aber was soll ich sagen: auch in Deutschland hat bereits das digitale Zeitalter begonnen, denn am 30. Januar erreichte der Titel mit Platz 49 nach einem Monat aufsteigender Tendenz bereits seinen vorläufigen Höhepunkt. Und jetzt, nach der CD-Veröffentlichung geht es zwar noch einmal in die obere Hälfte, aber nur auf die 48. Der Effekt, der durch das materielle Erscheinen ausgelöst wurde, ist also äußerst gering. Aber trotzdem: mit Position 48 erreichen MGMT die höchste Position, die sie jemals besetzen konnten. Und das mit einem Titel, der mittlerweile in der 11. offiziellen Chartwoche notiert wird.

Im unteren Drittel gibt es dann noch ein paar neue Titel. So auf der 65: Madcon aus Norwegen sind wieder da. Single 2 nach ihrem Überflieger Beggin' heißt Liar und schafft es doch genau einen Platz höher als Vorgänger Back On The Road im Oktober. Das ist also noch nicht der richtig große Nachfolgehit.

Auch Seal ist wieder mal mit dabei. Sein letztes Album Soul enthält ein paar schöne Cover-Versionen bekannter Titel. Aber so richtig wollte es bislang noch nicht funken. Für I Can't Stand The Rain gabs nun aber ordentlich Rückenwind durch einen Auftritt bei Deutschland sucht den Superstar. Naja, und der weht den Herrn mit der etwas rauhen Stimme auf die 67. Immerhin. Für den Titel ist es bereits die dritte Version, die sich in den Charts platzieren kann. Das Original von Ann Peebles schaffte es dabei nie in die Liste. Erstmals kam es 1978 zu Erfolg, als die Frank Farian-Combo Eruption mit ihrer Variante ihren ersten Hit landen konnten. Bis zu Platz 7 reichte es. 1985 veröffentlichte Tina Turner ihre Version, auch diese wurde ein Top 10-Hit: Platz 9. – Tja und nun wollte sich Seal in diesen Reigen einbringen, aber irgendwas ging da nicht glatt. Und das, obwohl der Song nach wie vor eine unglaubliche Magie besitzt. Eventuell hat es in den letzten Wochen doch etwas zu viel geregnet ... warten wir auf trockenere Zeiten.

Kann ich gleich anfügen, dass DSDS nicht nur Seal zu einem Chartauftritt verhilft. Auch Westlife profitieren mal wieder von der Interpretation einer ihrer Titel. Sarah Kreuz - offensichtlich der Publikumsliebling in dieser Runde - sang am 14. März You Raise Me Up und prompt ist die Ballade der Jungs auf der 69 wieder mit dabei. Und wenn es irgendwann mal eine Auswertung gibt "Die in Casting-Shows am häufigsten gesungenen Hits", dann ist You Raise Me Up mit Sicherheit dabei. Inzwischen das vierte Mal durch einen solchen Anlass wiedereingestiegen, in der gezählten 28. Woche, dieses Mal aber so hoch wie noch nie zuvor und die beste Platzierung seit ihrem regulären ersten Chartlauf 2005/06. Und: mit diesem Wiedereinstieg verlängern Westlife ihre Chartkarriere um ein elftes Jahr, in dem sie ununterbrochen mindestens einmal notiert waren.

Bei Platz 68 muss ich noch mal einen Bogen nach oben zu MGMT schlagen. Und das nicht weil Empire Of The Sun immer mit MGMT verglichen werden und wohl auch irgendwie in eine Schublade gehören, sondern weil mit ihnen ungefähr genauso unsensibel umgegangen wird was Veröffentlichungspolitik und Vermarktung umgeht. Walking On A Dream war bereits im letzten Sommer in ihrem Heimatland Australien ein Hit. Dann hat es einige Zeit gedauert, bis sich EMI in Deutschland erbarmte, um sie unter Vertrag zu nehmen. Die Single ist angeblich schon seit dem 13. Februar zu haben. Bei amazon gibt es allerdings nur das Album. Und diese ziemlich harte Limitierung führt also dazu, dass erst mit der Veröffentlichung des Albums auch die Single in den Charts einsteigt. Und ich wette, nicht weil sich da eine CD-variante wahnsinnig gut verkauft hätte, sondern weil sich genügend Leute finden, die sich aus dem Digitalalbum erstmal nur den Titeltrack laden. Also bei korrektem Marketing wäre das wohl nicht passiert. Schade eigentlich.

Gute Vermarktung, direkt zu findende Platzierung bei amazon – das schafft eine Künstlerin, die alles andere als neu und blutjung ist: Vicky Leandros gehört seit 1965 zu den Interpretinnen, die sich immer wieder platzieren können. Mehr als 40 Jahre Chartkarriere, darunter der Nr.1-Hit Theo, wir fahr'n nach Lodz, und aktuell ein neues Album samt frischer Single, die sowohl als CD wie auch als Download überall zu haben ist. Das allein ist schonmal großartig. Schaun wir hinter die Kulissen: da steht als Komponist und Texter von Möge der Himmel niemand Geringeres als Xavier Naidoo – wir können Frau Leandros also keineswegs unterstellen, sie würde nicht mit der Zeit gehen. Allerdings ... genau diese Kollaboration lässt mich natürlich ein wenig grübeln. Dass ich kein Fan von Xavier Naidoo bin, das hab ich hier schon mehrmals erwähnt. Warum, das bringt schon die Titelzeile von Vicky Leandros auf den Punkt: Möge der Himmel all die schlimmen Dinge von dir fernhalten ... ok, das sagt man so daher. Bei Vicky Leandros (und bei Xavier Naidoo wärs wohl genauso) klingt das allerdings enorm nach Gebet. Und es geht ja noch weiter: Ich würde so gern die Zukunft mit dir gestalten ... aber leider können wir ja nichts tun gegen die (gottgegebenen?) Zustände ... Warum eigentlich dieses Resignieren? Warum dieses sich Abfinden? Warum geht dann Vicky Leandros überhaupt in die Politik, wenn doch alles sowieso egal ist. - Sorry Leute, ich finde diese Einstellung ein bisschen schwierig, um nicht zu sagen: beinahe gefährlich. Und mit diesen Gedanken in meinem Kopf gönne ich Vicky Leandros ihre lange Karriere zwar sehr und finds toll, dass sie sich auf Platz 78 behaupten kann. Aber freuen kann ich mich darüber nicht.

Mehr deutschsprachiges Liedgut gibt es auf der 83. Annett Louisan kommt mit ihrer zweiten Auskopplung aus dem Album Teilzeithippie, und die heisst Auf dich hab ich gewartet. Leider ihre bislang schwächste Veröffentlichung, zumindest von der Platzierung her.
Und dann füge ich gleich an: auf der 97 steht wieder drin (nach einmonatiger Pause) das österreichische Duo Brunner & Brunner mit ihrem aktuellen Werk Beiss dich durch. Die zweite Woche dabei.

Und schließlich gibt es auf der Abschlussposition 100 mit einer Band namens One Fine Day ein paar Chartdebütanten. Die Jungs aus Hamburg liefern mit Emily ganz gängigen Pop-Rock ab, das Cover sieht ein bisschen wie Boygroup aus. Nun, Platz 100 ist ein Start.